Vorschlag einer Renaturierungsmaßnahme im Frühlingstal

von Alberto Fostini, ehemaliger Forstinspektor

BRIEF AN DIE GEMEINDEVERWALTUNG KALTERN

Mit diesem Schreiben möchte ich der Gemeindeverwaltung einen Vorschlag unterbreiten, den ich, auch auf Grund meiner Vorkenntnisse, als erstrebenswert, wegweisend und lehrreich betrachte.

Zurzeit sind die Worte Nachhaltigkeit, Ökosysteme, Klima, Umwelt, Biodiversität usw. in aller Munde, zumindest mit den Worten. Es wäre an der Zeit, dass dementsprechend auch weitblickende Vorschläge gemacht und umgesetzt werden.

Hier geht es praktisch um Folgendes: die untere Hälfte des Frühlingstales – den Bach entlang – mit geeigneten Pflanzen aufzuforsten (vorgeschlagen sind einige geeigneten Arten, siehe unten). Das wäre eine gute Renaturierung-Maßnahme, besser gesagt eine Wiederherstellung eines ruinierten Lebensraumes und so das ursprüngliche Gleichgewicht mit standortgerechten Arten wiederherzustellen, was auch in manchen des Landes z.Z. geschieht (Bäche, Flüsse, Auen, usw.). Zuerst wurde meist zu Gewinnzwecken vieles mit Monokulturen „ruiniert“ und zurzeit wurde hie und da begonnen zu „reparieren“!

Das wäre gut, denn das Frühlingstal ist auch ein stimmungsvoller Ort, der die Gefühle der Menschen berührt. Weitsichtig gedacht, ist auch ein idealer Platz für die Anpflanzung von Bäumen für Neugeborene, da es leicht zugänglich ist und eine eigene Atmosphäre hat. Zurzeit wird von der Gemeinde zu diesem Zweck die Promenade/Ex Bahnstraße im Dorf genutzt. Im Auftrag von der Gemeinde habe ich gemeinsam mit der Umweltgruppe dafür gesorgt, dass dort jedes Jahr ein geeigneter Baum gepflanzt wird, aber der Platz ist immer knapper und nicht mehr für große Bäume geeignet, da sie später zurückgeschnitten werden müssten.

Wie vielleicht nicht alle wissen, Anfang 1960er Jahre wurde die untere Hälfte des Frühlingstales (damals hieß es noch Angelbach, da die Aale offenbar noch zu den Seen wandern konnten.) großflächig kahlgeschlagen und künstlich aufgeforstet, auch der Teil, der damals Wiese war. Als es noch Angelbach hieß, war dieses Areal unbekannt, aber sobald es zum Biotop wurde und den Namen Frühlingstal erhielt, kamen scharenweise Besucher.

Die bevorzugte Art für die künstlichen Aufforstungen war die Fichte und auch Douglasien, amerikanische Roteichen, Lärchen und etwas Walnüsse.

Da die Fichte nicht standortgerecht ist, sind in der Zwischenzeit größere Lücken entstanden. D.h. durch Stürme und Krankheit sind viele solcher Bäume zugrunde gegangen (z.B. im Frühling 2020 der Wind entwurzelte weitere Bäume), und nun haben sich Schwarzholunder und die invasiven Arten Ailanthus und Robinie ausgebreitet..

Meine vorgeschlagene Maßnahme kann mit relativ wenig Einsatz und Kosten bewerkstelligt werden. Bei dieser Gelegenheit sollen auch die Schüler der Kalterer Volks- und Mittelschule wie auch andere Vereine eingebunden werden. Das wäre eine sehr gute Erfahrung. Einst hatte ich, als ich noch Forstinspektor war, mit Schülern mehrerer Gemeinden immer gute Erfolge erzielt, wobei nach Jahren die ehemaligen Schüler ihre gepflanzten Bäume wieder aufgesucht und mich dafür gedankt haben.

Es geht dabei um die Anpflanzung von ungefähr 300-600 Pflanzen. Neben dem Bach sollen Schwarzerlen (Alnus glutinosa) und in den anderen freigewordenen Flächen Vogelkirschen (Prunus avium) und ev. auch Birken und Eichen bepflanzt werden. Besonders die Birken wurden in den letzten 60 Jahren stiefmütterlich behandelt und so weit wie möglich abgeholzt. Diese Arten sind für dieses Klima und Boden am besten angepasst, zugleich schön für die Landschaft und während der Blüte in April sind die Kirschen eine Augenweide für unsere Augen (wie die Kirschblüte in Japan). Die Pflegekosten sind gering, da diese Pflanzen schnellwüchsig sind und so schnell frei von Gestrüpp und Kletterpflanzen. Im geschlossenen Wald und mit gutem Boden wachsen Erle und Kirsche sehr schnell und werden gut über 30 Meter hoch.

Außerdem kann man davon ausgehen, wenn man die wirtschaftliche Seite betonen möchte, dass eine gut ausgewachsene Vogelkirsche oder eine Schwarzerle, den fünf- bis zehnfachen Holzpreis der Fichte erzielen kann. In diesen ungünstigen Lagen wächst zwar die Fichte schnell, aber die Holzqualität nicht so gut ist und hat eine viel kürzere Lebensdauer.

Wie das ganze Frühlingstal einst ausgesehen hat, ist noch heute in seiner Ursprünglichkeit in der oberen Hälfte des Tales teilweise erkennbar, wo hauptsächlich noch große, alte Schwarzerlenexemplaren gut gedeihen, und auch einzelne Vogelkirschen, Tannen und Eichen anzutreffen sind. Und als ich noch Förster war, hatte ich des Öfteren im Bach das Glück und die Freude noch die europäischen Flusskrebse zu Gesicht zu bekommen.

Um Euch meine Empfehlung und ihre Bedeutung besser zu verdeutlichen, ist es angebracht, einen kurzen historischen Bezug herzustellen. Gegen Ende der 50ger, begann man im ganzen Überetscher-Wald – obere und untere Berg – konsequent größere Kahlschläge und in der Folge künstliche Aufforstungen durchzuführen, wie damals fast überall in Europa. Die Laubbäume spielten damals kaum eine Rolle mehr….

Das Ganze nahm im Laufe der Jahrzehnte ein immer größeres Ausmaß an, bis Anfang der 90ger Jahren aufhörte. Dies geschah auf Grund der exorbitanten und nicht mehr tragbaren Kosten, der Anfälligkeit dieser künstlichen Wälder und auch wegen des wachsenden Widerstandes…

Das Ergebnis dieser arbeits- und kostenaufwendigen Maßnahmen (die der spätere Holzverkauf nicht mehr decken wird) war die Entstehung von künstlichen Wäldern, d.h. Monokulturen, hauptsächlich aus Fichten (Picea excelsa). Die Fichte ist aber für diese klimatischen Bedingungen nicht geeignet. Sie braucht kühles und etwas Feuchtigkeit. Sie hat ein langer aber sehr oberflächliches Wurzelapparat, also Wärme und Trockenheit belasten sie sehr. Die Folgen dieser Monokulturen bzw. gleichaltrigen Bestände sind augenscheinlich und wären auch vorhersehbar gewesen.

Bereits vor zirka 30 Jahren begannen mehr und mehr Fichten langsamer zu wachsen und öfter zu erkranken (Insekten, Milben, Pilze). Viele starben (manchmal ganze Flächen in kurzer Zeit), dazu ließen Wind und Schnee größere Gruppen von Bäumen umstürzen.

In Kaltern sind in der Zwischenzeit schätzungsweise 50% oder mehr der künstlichen Aufforstungen bereits allein zugrunde gegangen (klimatische Ereignisse, Krankheiten, Pflegemangel, etc.). So gewinnt die Natur wieder die Oberhand mit Baumarten, die eben für diese Gebiete geeigneter sind.

Z.B. entstanden Ende Oktober 2018 durch Windsturm in Eggental, Trentino und Veneto große Windwurfflächen in den schönsten „Fichtenmonokulturen“. Heute – im Jahr 2022-23 – taucht auch der Borkenkäfer stark auf und das europaweit. Bereits vor 20-30 Jahren, war auch wiederholt zu hören, dass in Deutschland und anderen europäischen Ländern durch Wind Fichtenmonokulturen im großen Stil umgerissen und später von Borkenkäfern befallen wurden.

Für weitere Informationen stehe ich gerne zur Verfügung.

In der Anlage bekommen sie den Artikel über die Vogelkirsche (Stellenwert und Eigenschaften), die ich als Baum für die neugeborenen Kinder in Kaltern des Jahres 2020 bereitet hatte.

Mit freundlichen Grüßen

Alberto Fostini

Dieser Vorschlag wurde von der Gemeinde völlig ignoriert, aber gleichzeitig wurde er wohl in das Projekt der Speicherbecken als Ausgleichsmaßnahme übernommen. Dies ist aber keine Ausgleichsmaßnahme, sondern „green-washing“, um den Bau der Speicherbecken schmackhafter zu machen.

FILM: Wie IKEA die Wälder plündert.

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